Kapitel 50 – Pflanzentraining, SOG & SCROG
Wie Wachstum gesteuert wird: Biologische Grundlagen, Methoden, Vorteile und Nachteile
Die Pflanze formen statt nur wachsen lassen
Nachdem in den vorherigen Kapiteln verschiedene Anbausysteme wie Erde, Kokos, Hydroponik, Indoor, Outdoor und Living Soil betrachtet wurden, geht es nun um einen anderen Bereich des Anbaus:
Die gezielte Beeinflussung der Pflanzenstruktur.
Eine Pflanze wächst nicht einfach zufällig. Ihre Form wird durch genetische Eigenschaften, Lichtverteilung, Hormone und Umweltbedingungen bestimmt.
Durch sogenannte Pflanzentrainingsmethoden versucht man, das natürliche Wachstum besser zu verstehen und gezielt zu beeinflussen.
Das Ziel solcher Methoden ist nicht nur eine größere Pflanze, sondern vor allem eine effizientere Nutzung der vorhandenen Ressourcen.
Dazu gehören:
- gleichmäßige Lichtverteilung
- bessere Nutzung des verfügbaren Raums
- stabile Pflanzenstruktur
- Förderung bestimmter Wachstumsformen
Pflanzentraining basiert dabei auf grundlegenden biologischen Mechanismen:
- Apikaldominanz
- Auxinverteilung
- Lichtwahrnehmung
- Wachstumshormone
- Reaktion auf mechanische Reize
Inhaltsverzeichnis
- Was bedeutet Pflanzentraining?
- Die biologischen Grundlagen des Pflanzenwachstums
- Apikaldominanz: Warum Pflanzen nach oben wachsen
- Auxine und Wachstumssignale
- Natürliche Reaktionen auf Verletzung und Belastung
- Low Stress Training (LST)
- High Stress Training (HST)
- SOG – Sea of Green
- SCROG – Screen of Green
- Vergleich SOG und SCROG
- Vor- und Nachteile verschiedener Trainingsmethoden
- Häufige Fehler beim Pflanzentraining
- Für wen eignen sich diese Methoden?
- Kurz zusammengefasst
- Fazit
Was bedeutet Pflanzentraining?
Pflanzentraining beschreibt verschiedene Methoden, mit denen das natürliche Wachstum einer Pflanze beeinflusst wird.
Dabei geht es nicht darum, die Pflanze gegen ihre Biologie wachsen zu lassen.
Vielmehr nutzt man natürliche Wachstumsmechanismen.
Eine Pflanze reagiert ständig auf:
- Lichtquelle
- Platzangebot
- Berührungen
- Schwerkraft
- Umweltbedingungen
Durch gezielte Eingriffe kann die Wachstumsrichtung verändert werden.
Die biologischen Grundlagen des Pflanzenwachstums
Um Pflanzentraining zu verstehen, muss man zunächst wissen, wie Pflanzen wachsen.
Pflanzen besitzen sogenannte Wachstumspunkte.
Diese befinden sich vor allem:
- an der Spitze der Haupttriebe
- an jungen Seitentrieben
- in Entwicklungszonen der Wurzeln
Diese Bereiche produzieren und verteilen Wachstumssignale.
Die Pflanze entscheidet dadurch ständig:
- welcher Trieb stärker wächst
- wo neue Verzweigungen entstehen
- wie Ressourcen verteilt werden
Apikaldominanz: Warum Pflanzen nach oben wachsen
Viele Pflanzen besitzen eine natürliche Tendenz, den Haupttrieb zu bevorzugen.
Dieses Verhalten nennt man Apikaldominanz.
Der oberste Wachstumspunkt beeinflusst durch Hormonsignale die Entwicklung darunterliegender Seitentriebe.
Der Vorteil in der Natur:
Eine Pflanze kann schneller Licht erreichen und sich gegenüber anderen Pflanzen durchsetzen.
Der Nachteil bei kontrollierten Kulturen:
Ein einzelner Haupttrieb kann dazu führen, dass:
- Licht weniger gleichmäßig verteilt wird
- untere Bereiche weniger Energie erhalten
- die Pflanze eine eher schmale Form entwickelt
Pflanzentraining nutzt diese natürlichen Mechanismen, um eine gleichmäßigere Struktur zu schaffen.
Auxine und Wachstumssignale
Eine zentrale Rolle beim Pflanzenwachstum spielen Hormone.
Besonders wichtig sind Auxine.
Diese natürlichen Pflanzenhormone beeinflussen unter anderem:
- Zellstreckung
- Triebentwicklung
- Wurzelbildung
- Wachstumsrichtung
Auxine werden hauptsächlich in jungen Pflanzenteilen gebildet und innerhalb der Pflanze transportiert.
Durch Veränderungen an der Pflanzenstruktur verändern sich auch die Wachstumssignale.
Dadurch können neue Wachstumsformen entstehen.
Natürliche Reaktionen auf Belastung
Pflanzen besitzen keine Muskeln oder ein Nervensystem wie Tiere.
Trotzdem reagieren sie aktiv auf ihre Umwelt.
Mechanische Reize können beispielsweise entstehen durch:
- Wind
- Berührung
- Veränderungen der Umgebung
Diese Reaktionen werden über chemische Signale gesteuert.
Die Pflanze passt daraufhin ihre Struktur an.
Diese Fähigkeit nennt man Mechanotransduktion.
Pflanzentraining nutzt teilweise diese natürlichen Anpassungsprozesse.
Low Stress Training (LST)
Wachstum durch sanfte Anpassung
Low Stress Training beschreibt Methoden, bei denen die Pflanze mit möglichst geringer Belastung geformt wird.
Das Grundprinzip:
Die Wachstumsrichtung wird verändert, ohne größere Verletzungen zu verursachen.
Dabei wird die natürliche Flexibilität junger Triebe genutzt.
Biologische Grundlage
Wenn ein Haupttrieb nicht mehr dominant nach oben wächst, können andere Bereiche stärker entwickelt werden.
Dadurch kann eine gleichmäßigere Pflanzenstruktur entstehen.
Die Pflanze verteilt ihre Ressourcen anders.
Vorteile von LST
✓ geringe Belastung für die Pflanze
✓ natürliche Wachstumsform bleibt erhalten
✓ flexible Anwendung
✓ auch für viele Einsteiger verständlich
Nachteile von LST
✗ benötigt regelmäßige Beobachtung
✗ Entwicklung kann langsamer wirken
✗ erfordert Geduld
High Stress Training (HST)
Stärkere Eingriffe in die Pflanzenstruktur
High Stress Training umfasst Methoden, bei denen die Pflanze stärker beeinflusst wird.
Dabei nutzt man die Fähigkeit der Pflanze, auf Verletzungen und Veränderungen zu reagieren.
Die Pflanze aktiviert Reparatur- und Anpassungsprozesse.
Biologische Grundlage
Nach einer Verletzung entstehen verschiedene Reaktionen:
- Zellregeneration
- Veränderung von Wachstumssignalen
- Neuverteilung von Ressourcen
Die Pflanze versucht, ihre Struktur wieder auszugleichen.
Vorteile von HST
✓ stärkere Veränderung der Pflanzenform möglich
✓ gezielte Strukturentwicklung
Nachteile von HST
✗ höhere Belastung
✗ falsche Anwendung kann Wachstum beeinträchtigen
✗ benötigt mehr Erfahrung
SOG – Sea of Green
Viele Pflanzen mit kleiner Struktur
SOG beschreibt ein Konzept, bei dem viele kleinere Pflanzen genutzt werden, um schnell eine gleichmäßige Pflanzenfläche zu erzeugen.
Die Grundidee:
Nicht eine einzelne große Pflanze steht im Mittelpunkt, sondern eine möglichst gleichmäßige Gruppe.
Biologischer Hintergrund
Pflanzen konkurrieren in der Natur um Licht.
Wenn viele Pflanzen dicht nebeneinander wachsen, entstehen unterschiedliche Wachstumsstrategien.
SOG nutzt eine kontrollierte Pflanzendichte, um eine möglichst gleichmäßige Lichtausnutzung zu erreichen.
Vorteile von SOG
✓ gleichmäßige Pflanzenfläche
✓ effiziente Nutzung begrenzter Höhe
✓ schneller Aufbau einer einheitlichen Struktur
Nachteile von SOG
✗ mehr Pflanzen erforderlich
✗ höhere organisatorische Anforderungen
✗ weniger Fokus auf einzelne Pflanzenentwicklung
SCROG – Screen of Green
Eine Pflanze, viele gleichmäßige Triebe
SCROG nutzt ein Netz oder eine horizontale Struktur, um Triebe räumlich zu verteilen.
Das Ziel:
Eine möglichst gleichmäßige Oberfläche der Pflanze.
Biologischer Hintergrund
Pflanzen reagieren stark auf Lichtverteilung.
Wenn viele Bereiche ähnliche Lichtbedingungen erhalten, können Wachstumsunterschiede reduziert werden.
Die Pflanze nutzt ihre Blattfläche dadurch effizienter.
Vorteile von SCROG
✓ gleichmäßige Struktur
✓ bessere Nutzung des verfügbaren Raumes
✓ Förderung einer breiten Pflanzenform
Nachteile von SCROG
✗ mehr Planung notwendig
✗ weniger flexibel nach späteren Entwicklungsphasen
✗ Aufbau benötigt Zeit
Vergleich SOG und SCROG
| Eigenschaft | SOG | SCROG |
|---|---|---|
| Hauptidee | viele kleinere Pflanzen | eine oder wenige geformte Pflanzen |
| Struktur | kompakt und dicht | breit und gleichmäßig |
| Fokus | Anzahl | Pflanzenform |
| Technikaufwand | mittel | höher |
| Planung | geringer | höher |
Vor- und Nachteile von Pflanzentraining allgemein
Vorteile
Bessere Raumnutzung
Die natürliche Wuchsform kann an die Umgebung angepasst werden.
Gleichmäßigere Entwicklung
Unterschiedliche Pflanzenteile können besser miteinander harmonieren.
Verständnis der Pflanzenbiologie
Pflanzentraining fördert ein tieferes Verständnis für Wachstumsvorgänge.
Nachteile
Zeitaufwand
Viele Methoden benötigen regelmäßige Beobachtung.
Stress für die Pflanze
Stärkere Eingriffe können Belastungen verursachen.
Fehleranfälligkeit
Ohne Verständnis der Pflanzenreaktionen können Eingriffe negative Auswirkungen haben.
Häufige Fehler beim Pflanzentraining
Zu frühe oder zu starke Eingriffe
Junge Pflanzen reagieren empfindlicher.
Fokus nur auf die Form
Eine schöne Struktur bedeutet nicht automatisch eine gesunde Pflanze.
Wurzelsystem ignorieren
Die oberirdische Struktur hängt immer von der Wurzelgesundheit ab.
Fehlende Geduld
Pflanzen benötigen Zeit, um auf Veränderungen zu reagieren.
Für wen eignen sich diese Methoden?
Pflanzentraining eignet sich besonders für Menschen, die:
- Pflanzen besser verstehen möchten
- begrenzten Platz effizient nutzen wollen
- Interesse an biologischen Wachstumsprozessen haben
- die natürliche Entwicklung gezielt beeinflussen möchten
Es ist weniger eine einzelne Technik als eine Form der Kommunikation mit der Pflanze.
Kurz zusammengefasst
- Pflanzenwachstum wird durch Hormone und Umwelt gesteuert.
- Apikaldominanz bestimmt die natürliche Wuchsform.
- Pflanzentraining nutzt biologische Anpassungsprozesse.
- LST arbeitet mit sanfter Formgebung.
- HST nutzt stärkere Wachstumsreaktionen.
- SOG und SCROG verfolgen unterschiedliche Strategien zur Raumoptimierung.
Fazit
Pflanzentraining zeigt besonders deutlich, dass Pflanzen keine passiven Lebewesen sind.
Sie reagieren aktiv auf ihre Umgebung, passen ihr Wachstum an und verteilen ihre Ressourcen entsprechend ihrer Wahrnehmung.
Wer Pflanzentraining versteht, versteht nicht nur einzelne Methoden, sondern die grundlegenden Prinzipien pflanzlicher Entwicklung.
Die Kunst besteht nicht darin, die Pflanze zu kontrollieren, sondern ihre natürlichen Mechanismen zu verstehen und sinnvoll zu nutzen.







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